Ein aussergewöhnlicher Beruf
Blaise Bernard, Milchtransportfahrer bei CJ
Mit einem Lastwagen in den Farben der Chemins de fer du Jura (CJ) ist er im Jura, im Berner Jura, im Kanton Neuenburg und in weiteren Teilen der Westschweiz unterwegs. Wir treffen Blaise Bernard, der Mitglied der SEV-VPT-Sektion Jura ist. Der etwas andere «Eisenbahner» erzählt von seinem besonderen Beruf und seinem Werdegang.

Eigentlich wollte er Landwirt und Forstwart werden wie sein Onkel. Deshalb absolvierte er eine Lehre als Forstwart beim Kanton Bern. Danach arbeitete er für ein Privatunternehmen im Wallis. Schliesslich kehrte er nach Tramelan zurück, das er seither nie mehr verlassen hat, und wurde Vorarbeiter im Forstdienst der Gemeinde. Dann warf ihn eine schwere Krankheit aus der Bahn. Nach einer langen medizinischen Behandlung mussten ihm bereits mit 26 Jahren beide Hüftgelenke ersetzt werden. Eine berufliche Neuorientierung wurde unumgänglich. Eher zufällig ergab sich die Gelegenheit dazu: An einem Picknick der CJ-Fahrer:innen, zu dem ihn seine Frau begleitete, die damals als kaufmännische Angestellte bei den CJ arbeitete, lernte er den Leiter der Automobilabteilung kennen. Dieser fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, Milchtransporte zu übernehmen, zumal er bereits seit der Rekrutenschule den Lastwagenführerschein besass.
Im Januar 2003 trat er in die CJ ein. Dort sind alle Fahrer:innen vielseitig einsetzbar. Deshalb absolvierte er zusätzlich die Ausbildung für den Personentransport auf den Linienbussen der CJ. Während einer gewissen Zeit arbeitete er je zur Hälfte als Busfahrer und als Milchchauffeur. Die Dienste auf den Linien waren von längeren Pausen unterbrochen und die Arbeitstage entsprechend lang. Die Einsätze mit dem Lastwagen hingegen fanden am Stück statt, auch wenn die Mahlzeiten stets auswärts eingenommen werden mussten. Schliesslich entschied er sich definitiv für die Milchtransporte. «Der Beruf, der Kontakt mit den Fahrgästen, der Billetverkauf, die Fahrplaneinhaltung und der öffentliche Dienst haben mir gefallen. Noch näher lag mir aber immer die Landwirtschaft», erzählt Blaise. Kurz nach seinem Eintritt in die CJ trat er auch dem SEV bei. Kein Wunder: Sein Vater Pierre, heute 87-jährig, war 41 Jahre lang Lokführer und in der Sektion als engagierter SEV-Gewerkschafter bekannt.
Ein ungewöhnlicher Lastwagen in CJ-Farben
«Als Milchchauffeur sammle ich die Milch bei den Landwirten ein. Je nach Diensttour sind es 9, 16 oder sogar bis zu 40 Betriebe», erklärt Blaise. Drei Touren finden tagsüber statt und beginnen um 5 oder 7 Uhr, mit Dienstende um 15 oder 19 Uhr. Eine Nachttour startet gegen 16.30 Uhr und dauert bis 3.30 Uhr morgens. Die kurze Runde umfasst rund 220 Kilometer, die lange etwa 300 Kilometer. «Die Arbeitszeiten sind anspruchsvoll, auch für die Familie.»
Dafür bringen die langen Touren zusätzliche freie Tage. Dann widmet sich Blaise wieder seiner Leidenschaft, dem Wald, und schlägt gelegentlich Brennholz. Dort findet er Ausgleich: «Ich mag es, durch die Landschaft zu fahren, in der Natur unterwegs zu sein, Dörfer zu durchqueren und, wenn es die Zeit erlaubt, mit den Bauern zu sprechen.»
Ob im Clos-du-Doubs, in den Freibergen, im Vallée de Tavannes oder im Vallée de la Brévine, wo er bis Les Verrières unterwegs ist: Schöne Landschaften begleiten ihn überall. Doch Blaise gibt zu bedenken: «Dieser Beruf läuft sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Genau wie bei den Zügen oder Bussen der CJ gehört dieser Bereitschaftsdienst einfach dazu.»
Zu seinem Beruf gehört auch viel technische Präzision. Bei jedem Milchlieferanten wird automatisch eine Probe entnommen; eine weitere fliesst in eine Sammelprobe für die Qualitätskontrolle. Die Milch wird je nach Qualität– Bio, konventionell oder IP-Suisse – in verschiedene Tanks von Lastwagen und Anhänger gepumpt. Pro Tour kommen so bis zu 23 000 Liter zusammen.
Vor dem Entladen werden die Proben analysiert. Dank der lückenlosen Rückverfolgbarkeit lässt sich feststellen, ob die Milch hygienischen Anforderungen genügt oder unerwünschte Rückstände enthält. Falls nötig, kann der Inhalt eines einzelnen Tanks ausgeschieden werden, ohne die gesamte Lieferung zu beeinträchtigen.
«Die CJ sind lediglich Dienstleister für den Milchhändler Mooh, der die Milch anschliessend an Verarbeitungsbetriebe wie Cremo, Emmi, Nestlé oder Migros verkauft», erklärt Blaise. Geliefert wird unter anderem nach Estavayer-le-Lac, Freiburg, Konolfingen oder Le Mont-sur-Lausanne. Die Nachttour aus dem Clos-du-Doubs und den Freibergen endet hingegen in Saignelégier, wo die Milch für die Herstellung des Tête-de-Moine-Käses bestimmt ist.
Das Entladen dauert rund 40 Minuten und bietet Gelegenheit für eine Pause oder einen Austausch mit anderen Chauffeuren. Anschliessend werden die Tanks direkt vor Ort gereinigt. Erstaunlich sei, sagt Blaise, dass solche Spezialfahrzeuge für Lebensmittel nicht nur Milch transportieren können: «Dieselben Tankwagen werden auch für Wein, Orangen- oder Tomatensaft eingesetzt, aus Spanien oder Frankreich. Selbst wenn auf dem Tank gross MILCH steht.»
Viel Eigenverantwortung und Selbstständigkeit
Der Beruf verlangt ein hohes Mass an Verantwortung und wird grösstenteils selbstständig ausgeübt. Zwar ist Blaise kein typischer Eisenbahner, arbeitet aber für ein Unternehmen des öffentlichen Verkehrs. Ein Teil des Gesamtarbeitsvertrags gilt auch für ihn. Je nach Situation untersteht er entweder dem Arbeitszeitgesetz oder den Vorschriften für Lenk- und Ruhezeiten im Strassenverkehr.
Blaise ist sehr engagiert. Als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei ist er seit über 30 Jahren im Gemeindeparlament seines Wohnorts aktiv. Neben seiner Familie widmet er sich weiteren Leidenschaften: der Schaf- und Kleintierzucht sowie allen praktischen Arbeiten rund ums Holz. Er wohnt in einem ehemaligen Bauernhaus, das er weitgehend eigenhändig renoviert hat. Trotz seiner vielfältigen Fähigkeiten ist er bescheiden und steht nur ungern im Mittelpunkt.
Jean-François Milani
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