| Aktuell / SEV Zeitung, Aggression und Gewalt gegen Personal

Kabinenpersonal

Gewalt auf 10’000 Metern Höhe

Beschimpfungen, Drohungen und körperliche Angriffe gehören für viele Beschäftigte im Verkehr leider zunehmend zum Arbeitsalltag. Das gilt nicht nur für das Zugpersonal, Busfahrer:innen oder Mitarbeiter:innen an Bahnhöfen. Auch Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter sind betroffen. 2026 hat sich kapers, die Partnergewerkschaft des SEV, der Kampagne gegen Gewalt angeschlossen. Sie fordert mehr Respekt und einen stärkeren strafrechtlichen Schutz für das Flugpersonal.

Wie gefährlich die Situation an Bord werden kann, zeigt ein Fall bei Swiss. Am 31. März 2024 musste Flug LX19 von Newark nach Zürich kurz nach dem Start umkehren. Ein 43-jähriger Belgier hatte nach Angaben der US-Justiz eine Flugbegleiterin belästigt und körperlich angegriffen, die Crew bedroht und versucht, gewaltsam ins Cockpit einzudringen. Auch ein Flugbegleiter wurde beim Eingreifen verletzt. Die Crew konnte den Mann schliesslich überwältigen und bis zur Landung fixieren. Der Fall hat inzwischen ein juristisches Nachspiel: Im Juni 2026 wurde der Mann in den USA zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Hinzu kommen eine einjährige Bewährungszeit und eine Entschädigungszahlung von mehr als 73'000 US-Dollar. Der Fall macht deutlich, dass ein Angriff auf Flugpersonal weit über einen Konflikt zwischen einem Passagier und einem Crewmitglied hinausgehen kann. Wenn die Besatzung mit einem gewalttätigen Passagier beschäftigt ist, kann dies unmittelbar die Sicherheit des gesamten Fluges betreffen

Solche Vorfälle sind keineswegs eine Randerscheinung. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt registrierte 2025 insgesamt 2043 Vorfälle mit sogenannten «Unruly Passengers» («widerspenstige Passagiere»), gegenüber 1730 im Vorjahr. Die Ereignisse reichen von der Missachtung sicherheitsrelevanter Anweisungen über verbale Aggressionen und Vorfälle unter Alkohol- oder Drogeneinfluss bis hin zu körperlicher und sexualisierter Gewalt. Allein 523 Meldungen betrafen 2025 verbale Aggressionen. Das waren 45 Prozent mehr als im Vorjahr.

Keine Hilfe an der nächsten Haltestelle

Für die Cabin Crew haben solche Situationen eine besondere Dimension. Der Raum an Bord ist eng, externe Hilfe ist während des Fluges nicht verfügbar. Gleichzeitig muss das Kabinenpersonal in einer eskalierenden Situation jederzeit seine Aufgaben für die Sicherheit der Passagiere wahrnehmen können. Es setzt die Sicherheitsvorschriften durch, deeskaliert Konflikte und übernimmt zentrale Aufgaben bei Evakuationen, medizinischen Notfällen und anderen ausserordentlichen Ereignissen.

Noah Dermond, Vorstandsmitglied von kapers und verantwortlich für Gesundheit und Sicherheit, sagt dazu: «Cabin Crew Member tragen Verantwortung für die Sicherheit der Menschen an Bord. Werden sie bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe angegriffen, kann das auch die Handlungsfähigkeit der Crew beeinträchtigen.» Seine Schlussfolgerung ist klar: «Wer für Sicherheit sorgt, muss auch selbst wirksam geschützt sein.»

Kampagne des SEV erreicht die Luftfahrt

2026 hat sich die Gewerkschaft des Kabinenpersonals kapers der vom SEV gestarteten Kampagne «Stopp Gewalt. Mehr Respekt für das Personal» angeschlossen mit dem Slogan «Stop violence – respect crew». Am 3. September war kapers im Operation Center am Flughafen Zürich und im Flight Center in Genf präsent. Mit eigens produzierten Pins setzte die Gewerkschaft gemeinsam mit den Crews ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt.

Dabei bleibt es nicht bei einem symbolischen Aktionstag. Kapers stellt auch eine konkrete politische Forderung: Gewalt, Drohung, Nötigung und tätliche Angriffe gegen Flugpersonal während der Dienstausübung sollen konsequent von Amtes wegen verfolgt werden, so wie das bereits der Fall beim Personal des öffentlichen Verkehrs ist. Nach geltendem Recht hängt es vom konkreten Delikt ab, ob die Behörden automatisch tätig werden oder ob die betroffene Person selbst einen Strafantrag stellen muss. Nach einem belastenden oder möglicherweise traumatischen Übergriff soll diese Verantwortung nicht zusätzlich den Betroffenen aufgebürdet werden.

Sandrine Nikolic-Fuss, Präsidentin von kapers, bringt die Forderung auf den Punkt: «Wer während der Wahrnehmung einer sicherheitsrelevanten Aufgabe angegriffen wird, muss darauf vertrauen können, dass der Staat handelt. Es geht um den Schutz der betroffenen Person, aber ebenso um die Sicherheit an Bord und um das öffentliche Interesse an einem sicheren Luftverkehr.»

Das Anliegen ist SEV-Mitgliedern nur allzu vertraut. Ob im Zug, im Bus, am Bahnhof oder auf 10'000 Metern Höhe: Wer beruflich für die Sicherheit und Betreuung anderer Menschen sorgt, darf Gewalt nicht einfach als Teil seines Berufs hinnehmen müssen.

Michael Spahr/kapers

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