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Branchentagung Bahn & Touristik

Austausch und Solidarität

Die Branchentagung Bahn und Touristik am 27. Januar zeigt deutlich, wofür die Branchen im VPT stehen: Informationen zu gemeinsamen Problemen austauschen, Lösungen suchen und dafür gemeinsam Druck machen. Angesichts des Spardrucks im öffentlichen Verkehr, den Unternehmungen zunehmend ans Personal weitergeben, ist dieser direkte Austausch wichtiger denn je.

VPT-Zentralpräsident Gilbert D’Alessandro freut sich, dass fast 60 Kolleg:innen aus 15 Sektionen nach Bern gekommen sind, und dankt dem Vorstand der Branche für die tipptoppe Organisation. Dann lädt er alle Anwesenden ein, einen Moment lang an die Opfer des schweren Zugsunglücks in Spanien zu denken, bei dem auch ein Lokführer sterben musste. Sinngemäss sagt Gilbert: Sicherheit ist kein Luxus, sondern die Grundlage des öffentlichen Verkehrs. Wo Liberalisierung und Profitdenken dominieren, leidet am Ende die Sicherheit.

SEV-Vizepräsidentin Barbara Keller und Vizepräsident Pablo Guarino sprechen Klartext zu den Lohnverhandlungen. Zwar ist die durchschnittliche Jahresteuerung 2025 auf 0,2 Prozent gesunken und hat der SEV einige gute und insgesamt akzeptable Lohnresultate erzielt. Doch konnte in vielen Unternehmen des öffentlichen Verkehrs – wie auch in anderen Wirtschaftsbranchen – die in den Vorjahren aufgelaufene Teuerung noch nicht vollständig ausgeglichen werden. Die Krankenkassenprämien steigen aber weiter, ohne im Landesindex der Konsumentenpreise korrekt abgebildet zu sein. Die Botschaft ist deutlich: Faire Löhne, automatischer Teuerungsausgleich und Verlässlichkeit fallen nicht vom Himmel, sondern müssen erstritten werden. Und befriedigende Resultate sind manchmal nur mit einer Mobilisierung der Betroffenen möglich.

Ohne Respekt keine Sozialpartnerschaft

SEV-Präsident Matthias Hartwich bringt es auf den Punkt: «Gewerkschaft funktioniert auf zwei Schienen.» Einerseits konstruktive Verhandlungen und Sozialpartnerschaft, andererseits gilt es den Arbeitgebern wenn nötig die Zähne zu zeigen. «Respekt wird nicht geschenkt, er muss erkämpft werden. Das heisst, wir müssen fähig sein, der Gegenseite weh zu tun, wenn sie uns wehtut.» Dafür braucht die Gewerkschaft viele Mitglieder und solche, die bereit sind, Mobilisierungen und Kampagnen persönlich mitzutragen.

Härtere Arbeitgeber

Mehrere Teilnehmende berichten, dass der Ton in ihren Unternehmen rauer geworden ist. Das heisst: Herr-im-Haus-Mentalität statt Sozialpartnerschaft, abnehmende Kompromissbereitschaft und zunehmende Gewerkschaftsfeindlichkeit. Anlass dazu mag der Kostendruck auf die Unternehmen sein. Doch wer Wind sät, wird Sturm ernten …

Zum Beispiel Railplus, der 2003 gegründete Verbund von heute 22 Schmalspurbahnen, ist bisher nicht durch Offenheit für Personalanliegen aufgefallen. Nichts spricht dagegen, dass Unternehmen durch gemeinsame Rollmaterialkäufe Geld sparen oder sich in technischen Fragen koordinieren. Aber wenn sie beim Personal gemeinsam die Schraube anziehen, dann bedeutet das für die SEV-VPT-Sektionen härtere Verhandlungen und mehr Bedarf an Zusammenhalt.

Eine weitere Frage ist, ob der SEV künftig verstärkt Branchen-GAV anstreben sollte und allenfalls auch eine Allgemeinverbindlicherklärung. Damit würden die branchenüblichen Arbeitsbedingungen klarer definiert und wären schwieriger zu unterlaufen, doch könnte das auch eine gewisse Nivellierung nach unten bewirken. Hinzu kommt, dass die Arbeitgeber bislang dazu keinesfalls bereit sind und die entsprechenden Verbände auch über kein Mandat verfügen.

Mitgliedergewinnung funktioniert

VPT-Vizepräsident René Schnegg zeigt auf, dass der VPT im Jahr 2025 fast 700 Neumitglieder gewinnen konnte. Damit liess sich der Mitgliederbestand trotz zahlreicher Austritte in einer Sektion weitgehend stabil halten. Die Erfahrung bestätigt, dass persönliches Ansprechen, Präsenz vor Ort und gewerkschaftliches Engagement wirken. Der VPT setzt 2026 seine bewährten Aktionen zur Mitgliedergewinnung fort.

Thematisiert werden auch die ab Mitte Februar geplanten Verhandlungen bei der BLS über ein neues Lohnsystem. Teilnehmende halten fest, dass eine objektive Leistungsmessung in vielen Berufen schwierig und sehr aufwändig ist. Objektivität und Fairness sind aber unverzichtbar, damit nicht mehr Schaden als Nutzen resultiert durch Unzufriedenheit und Demotivation der Mitarbeitenden.

Besonders wertvoll ist für viele Teilnehmende neben dem offiziellen Programm der Austausch untereinander. Gespräche in den Pausen, beim Mittagessen oder am Rand der Tagung ermöglichen es, Erfahrungen zu teilen, Probleme zu vergleichen und konkrete Lösungen mitzunehmen. Viele stellen fest: Andere haben die gleichen Herausforderungen – oder haben sie bereits gelöst.

Workshop

In der Gruppenarbeit zur künftigen Gestaltung der Branchentagung Bahn und Touristik wird mehrfach der Wunsch geäussert, mehr Zeit für den Austausch untereinander einzuplanen. Angeregt werden zudem praxisnahe Tipps zur Mitgliedergewinnung anstelle von Statistiken, konkrete Beispiele aus dem Arbeitsalltag und attraktivere Tagungsorte.

Die Tagung macht deutlich: Diese Treffen sind nicht nur Informationsanlässe, sondern auch Orte der Vernetzung, der gegenseitigen Ermutigung und der Erkenntnis der gemeinsamen Stärke. Wer dabei ist, merkt schnell: Ich bin nicht allein, gemeinsam erreichen wir mehr.

Ueli Müller und Markus Fischer