| Aktuell / SEV Zeitung, Aggression und Gewalt gegen Personal

Übergriffe bei der Infrastruktur

«Die Hemmschwellen sinken»

Mit Flaschen beworfen, mit einer Schrotflinte beschossen oder verbal attackiert: Gewalt und Übergriffe gegen Personal im öffentlichen Verkehr treffen längst nicht mehr nur das Personal im Fahrdienst. Auch Infrastruktur-Mitarbeiter:innen werden zunehmend Ziel von Beschimpfungen und Aggressionen. Oft genügt bereits der Lärm einer Baustelle oder eine Zugverspätung, damit sich der Frust am nächstbesten Mitarbeitender in Orange entlädt.

«Ich habe von einem Kollegen aus dem Zentralausschuss erfahren, dass auf einer Baustelle in der Nacht sogar einmal auf eine Gleisbaumaschine geschossen wurde», erzählt Jan Weber, Zentralpräsident des SEV-Unterverbands BAU. Auslöser soll der Lärm der nächtlichen Bauarbeiten gewesen sein. Was zunächst unglaublich klingt, bestätigt ein Infrastruktur-Mitarbeiter, der damals vor Ort war. Der Bautrupp hörte plötzlich einen metallischen Knall am Fahrzeug. Bei der Kontrolle entdeckten sie mehrere kleine Einschusslöcher. Vermutlich hatte jemand mit einer Schrotflinte auf das Fahrzeug geschossen. «Zum Glück wurde niemand verletzt», sagt Weber.

Aggressionen nehmen zu

«Grundsätzlich erhalte ich nicht viele Rückmeldungen», sagt Jan Weber. «Dennoch stelle ich fest, dass die Zahl der Meldungen in den letzten Jahren zugenommen hat.» Am häufigsten erleben Infrastruktur-Mitarbeiter:innen verbale Angriffe. Besonders bei Unterhaltsarbeiten oder Nachtbaustellen entlädt sich der Ärger der Anwohnenden über den Baustellenlärm direkt beim Personal. Doch auch im Pendlerverkehr beobachtet Weber eine besorgniserregende Entwicklung. «Wenn die Leute gestresst sind oder ein Zug Verspätung hat, wird der nächstbeste Mitarbeitende in Orange dafür verantwortlich gemacht.» Die Pendler und Pendlerinnen vergessen in solchen Situationen, dass der einzelne nichts dafür kann.

Auch Jan Weber selbst blieb davon nicht verschont. «Bei Unterhaltsarbeiten an einem Bahnübergang wurde ich einmal beschimpft, weil die Barrieren aus Sicht eines Autofahrers zu lange geschlossen waren.» Nachdem er erklärt hatte, weshalb dies aus Sicherheitsgründen notwendig war, beruhigte sich die Situation. Oft komme ein Gespräch jedoch gar nicht erst zustande. «Meist wird nur im Vorbeifahren etwas aus dem Autofenster herausgeschrien.»

Worte sind nicht das Schlimmste

Neben verbalen Attacken kommt es immer wieder zu tätlichen Angriffen. Ein Infrastruktur-Mitarbeiter berichtet, wie Bierflaschen von einer Brücke auf ihn und seine Kollegen geworfen wurden, während sie im Gleisbett arbeiteten. In einem anderen Fall landete sogar ein Blumentopf von einem Balkon auf einer Baustelle. Solche Vorfälle lösen bei den Betroffenen nicht nur Frustration, sondern auch Unverständnis aus.

Weber geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Übergriffe deutlich höher liegt als die gemeldeten Fälle. «Viele Kolleginnen und Kollegen regeln solche Situationen direkt vor Ort.» Auf Baustellen herrsche oft ein rauerer Umgangston. «Dadurch liegt die persönliche Schwelle möglicherweise höher, bis jemand einen Vorfall tatsächlich meldet.»

Respekt nimmt ab

Die Entwicklung bereitet Weber Sorgen. Wie viele Mitarbeiter:innen im Fahrdienst beim Zugspersonal beobachtet auch er eine Veränderung im Umgangston. «Bei den Leuten sinken die Hemmschwellen. Anstand und Respekt sind nicht mehr so selbstverständlich wie früher.» Sein Eindruck sei zudem, dass viele Menschen heute deutlich egoistischer unterwegs seien.

Übergriffe konsequent melden

Für Weber ist klar: Gewalt gegen das Personal darf niemals hingenommen werden. «Die Kolleginnen und Kollegen sollen jeden Vorfall sofort ihrer Teamleitung melden. Bei schweren Übergriffen müssen Polizei oder Transportpolizei eingeschaltet werden.» Der SEV macht die Transportunternehmen regelmässig auf die Problematik aufmerksam. Gleichzeitig fordert Weber bessere Schutzmassnahmen. «Die Kollegen und Kolleginnen sollten insbesondere bei Störungen oder nachts nicht allein unterwegs sein müssen. Gerade dann sind viele Reisende bereits gereizt.»

Auch vermeintliche Kleinigkeiten könnten Konflikte entschärfen. Weber nennt als Beispiel rund um die Uhr geöffnete Bahnhofstoiletten. Immer wieder komme es zu heftigen Beschimpfungen, wenn Mitarbeiter:innen Personen darauf hinweisen müssten, dass sie ihre Notdurft nicht in eine Ecke auf dem Bahnhofareal verrichten dürfen.

Für Jan Weber ist aber auch die Politik gefordert: «Übergriffe auf das Personal des öffentlichen Verkehrs müssen konsequent verfolgt werden. Wer das Personal angreift, soll die Folgen seines Handelns deutlich stärker zu spüren bekommen.»

Renato Barnetta

3. September: Aktionstag gegen Gewalt

Der SEV organisiert am 3. September zum zweiten Mal einen Aktionstag für mehr Sicherheit im öffentlichen Verkehr. Er wird an verschiedenen Bahnhöfen präsent sein und Reisende auf die Problematik aufmerksam machen. Zudem informiert er Kolleginnen und Kollegen, was man bei Übergriffen tun kann. Einmal mehr fordert der SEV: mehr Personal für mehr Sicherheit; Doppelbegleitungen in Zügen; mehr Präsenz der Transportpolizei; die konsequente Meldung aller Übergriffe; verbindliche Unterstützung für Betroffene; geschützte Fahrerkabinen, stille Alarme und wirksame Präventionsmassnahmen im Busbereich.

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