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Brandanschlag Kerzers

Gilbert D’Alessandro: «Die Sicherheit kommt zuerst»

Der Brandanschlag von Kerzers hat sechs Menschenleben gefordert und fünf weitere Personen verletzt. Dieser traurige Vorfall rückt einmal mehr die Frage der Sicherheit der Busfahrerinnen und Busfahrer ins Zentrum. Gilbert D’Alessandro, Busfahrer bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben (TPF) und Zentralpräsident des VPT, spricht über seine Gedanken und fordert konkrete Massnahmen.

Gilbert D'Alessandro (links) verteilt Flugblätter gegen Gewalt im öV

Am 10. März wurde in Kerzers im freiburgischen Seeland ein Postauto von einem psychisch labilen Täter in Brand gesetzt. Sechs Menschen kamen ums Leben, weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Unter den Toten befindet sich auch der Chauffeur des Postautos, ein 63-jähriger Mann portugiesischer Herkunft. Die Betroffenheit ist gross: unter Kolleginnen und Kollegen, bei den Familien und auch bei den Fahrgästen. Gilbert D'Alessandro, wie hast du die Tragödie erlebt – und was bedeutet sie für den Beruf?

Es ist ein tiefer Schock. Unsere Gedanken sind zuerst bei den Opfern, beim verstorbenen Kollegen, bei seinen Angehörigen und bei den Fahrgästen. Die ganze Verkehrsbranche ist erschüttert. Viele Fahrerinnen und Fahrer haben ihre Arbeit mit grosser Betroffenheit und mit einer gewissen Angst wieder aufgenommen. Gleichzeitig kam auch ein Gefühl der Ohnmacht auf: Wie konnte so etwas passieren? Hätte dieser Vorfall verhindert werden können? Müssen wir die Sicherheit einfach dem Zufall überlassen?

Handelt es sich um ein aussergewöhnliches Ereignis?

Ja. Was in Kerzers passiert ist, ist extrem – und wir hoffen, dass es ein Einzelfall bleibt. Vergleichbar ist höchstens die Geiselnahme in einem Zug in Essert-sous-Champvent in der Nähe von Yverdon vor zwei Jahren. Aber Gewalt hat viele Formen. Zwischen solchen extremen Ereignissen und dem Alltag gibt es eine Verbindung: verbale Angriffe, Drohungen, Aggressionen zwischen Fahrgästen oder gegen das Personal gehören leider immer mehr zu unserem Alltag. Auch wenn viele Vorfälle glimpflich ausgehen, hinterlassen sie Spuren. Nach einer Aggression bleibt oft ein Trauma zurück.

Wird mit der Sicherheit im öffentlichen Verkehr unterschiedlich umgegangen?

Ja. Im öffentlichen Verkehr gibt es ein Netz mit zwei Geschwindigkeiten. Auf grossen Fernverkehrslinien stehen oft mehr Mittel zur Verfügung – obwohl auch dort Risiken bestehen. Regionale Linien zahlen dagegen häufig den Preis von Sparmassnahmen. Doch Sicherheit ist ein Grundrecht, kein Privileg. Wir brauchen verbindliche Mindeststandards für das ganze Netz. Und die «Charta gegen Gewalt im öffentlichen Verkehr», die am 25. November 2025 unterzeichnet wurde, muss endlich konsequent umgesetzt werden. Die Gewerkschaften verlangen seit Langem einen runden Tisch beim Bundesamt für Verkehr. Dieser runde Tisch muss stattfinden. Die Zeit drängt. Auch die Politik ist gefordert. Politikerinnen und Politiker müssen bei den kantonalen Regierungen intervenieren.

Welche Massnahmen könnten die Prävention kurzfristig verbessern?

Ein zentraler Punkt ist die Zusammenarbeit mit den kantonalen Polizeicorps. Wir brauchen einen systematischen Informationsaustausch – mit Warnmeldungen in Echtzeit, klaren Abläufen und raschen Interventionen.

Bei den TPF erhalten wir zum Beispiel Meldungen über vermisste Personen in Echtzeit auf einem Bildschirm. Das hilft, aufmerksam zu sein und in manchen Fällen Lösungen zu finden – etwa indem gefährdete oder potenziell gefährliche Personen wiedergefunden werden. Wenn diese Person, die den Brand in Kerzers ausgelöst hat, tatsächlich gemeldet war, wenn die Information weitergegeben worden wäre und wenn der Fahrer sie erhalten hätte, dann hätte man die Gefahr mit etwas Glück vielleicht früher erkennen können.

Ebenso wichtig sind funktionierende technische Sicherheitsmittel: Alarmknöpfe, Kommunikationssysteme oder Kameras. Diese müssen überall vorhanden und zuverlässig sein.

Ist menschliche Präsenz im öffentlichen Verkehr entscheidend?

Absolut. Sichtbares und gut geschultes Personal wirkt präventiv und beruhigend. Deshalb brauchen wir stärkere Präsenz der Transportpolizei sowie Sicherheitsmassnahmen auf besonders exponierten Linien zu sensiblen Zeiten.

Auch im Bahnverkehr ist mehr Personal nötig. Der SEV fordert seit Jahren wieder mehr Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleiter – mindestens zwei pro Zug – und weiterhin besetzte Schalter. Prävention funktioniert vor allem über Menschen. Sicherheit hat ihren Preis, und das wird in der politischen Diskussion manchmal vergessen.

Wie steht es um die Ausbildung?

Da gibt es klaren Verbesserungsbedarf. Viele Kolleginnen und Kollegen haben seit Jahren keinen Feuerlöscher mehr benutzt. Gleichzeitig haben sich Fahrzeuge und Risiken stark verändert – etwa durch neue Materialien oder Batteriesysteme in modernen Elektrobussen.

Praktische Schulungen zu Brandfällen, Evakuierungen, zur Nutzung von Sicherheitsausrüstung und zur Deeskalation sollten deshalb mindestens einmal pro Jahr obligatorisch sein. Zudem muss man die Arbeitsrealität berücksichtigen: Nach neun Stunden am Steuer hat niemand mehr die gleiche Kraft und Reaktionsfähigkeit.

Welche Rolle spielen Arbeitszeiten und Ruhephasen für die Sicherheit? Eigentlich sind diese ja im Arbeitsgesetz (AZG) geregelt. Gibt es da Handlungsbedarf?

Viele Unternehmen nutzen die gesetzlichen Spielräume beim Arbeitszeitgesetz bis an die Grenze aus. Was eigentlich eine Ausnahme sein sollte, wird zur Regel. Das führt zu zu kurzen Erholungszeiten und gestörtem Schlaf.

Wir brauchen deshalb bessere Schutzbestimmungen für echte Ruhezeiten und geeignete Räume für Erholung während langer Arbeitstage. Wer die Ruhezeiten schützt, schützt Leben – das des Personals ebenso wie das der Fahrgäste.

Eine Umfrage, die wir zusammen mit der Unisanté durchgeführt haben und am 24. April publiziert wird, zeigt, dass die psychische und körperliche Gesundheit der Fahrerinnen und Fahrer deutlich beeinträchtigt ist. Chronischer Stress, ständige Wachsamkeit und die emotionale Belastung nach Vorfällen hinterlassen Spuren: Schlafstörungen, Schmerzen und berufliche Erschöpfung sind häufige Folgen. Sicherheit bedeutet deshalb auch Gesundheitsprävention.

Welche Schritte sind jetzt notwendig?

Wir brauchen einen klaren Aktionsplan: erstens einheitliche Sicherheitsstandards im gesamten Netz, zweitens mehr Präsenz von Personal und bessere Koordination mit der Polizei, drittens verpflichtende jährliche Schulungen zu zentralen Sicherheitsrisiken und viertens Arbeitsbedingungen, die Gesundheit und Erholung tatsächlich schützen. Wichtig ist auch eine nationale Koordination zusammen mit den Sozialpartnern. Die Sicherheit im öffentlichen Verkehr darf nicht bei schönen Worten stehen bleiben.

Yves Sancey