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Migrationstagung

«Gewerkschaft bedeutet Stärke»

SEV-Präsident Matthias Hartwich im Gespräch mit Robert Martinez, Präsident der Migrationskommission des SEV und Bus- und Tramfahrer bei den Genfer Verkehrsbetrieben TPG.

Am 25. September findet die Bildungstagung der Migrationskommission des SEV in Olten statt. Am Tag darauf organisieren verschiedene Organisationen in Bern eine Kundgebung für mehr Rechte für Migrant:innen in der Schweiz. SEV-Präsident Matthias Hartwich hat Robert Martinez zu einem Gespräch getroffen. Robert Martinez vertritt die Migrationskommission im Vorstand des SEV und arbeitet in Genf.

Matthias Hartwich: Robert, du vertrittst die Migrationskommission im Vorstand des SEV. Kurz vor der Migrationstagung freue ich mich, mit dir über dieses wichtige Thema zu sprechen. Stell dich unseren Leserinnen und Lesern doch kurz vor.

Robert Martinez: Sehr gerne. Ich arbeite seit elf Jahren bei den Genfer Verkehrsbetrieben TPG als Bus- und Tramfahrer. Seit rund zwei Jahren präsidiere ich die Migrationskommission des SEV. Als Sohn von Einwanderern liegt mir dieses Engagement besonders am Herzen. Es erfüllt mich mit Stolz, die Anliegen von Kolleginnen und Kollegen mit Migrationsgeschichte zu vertreten und ihre Stimme bis in die nationalen Gremien des SEV einzubringen.

Die TPG-Sektion zählt mehr als 1000 Mitglieder und eine der grössten Sektionen des SEV. Während vielerorts Gewerkschaften immer noch Mitglieder verlieren, wachst ihr weiter. Wie gelingt das?

Der Schlüssel ist die Nähe zu den Beschäftigten. Wir sind präsent, hören zu und zeigen konkret, was gewerkschaftliche Arbeit bewirken kann. Viele Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig Zusammenhalt ist. Wir erklären ihnen, dass eine Gewerkschaft Stärke bedeutet. Je mehr Menschen organisiert sind, desto stärker können wir gegenüber der Direktion auftreten. Wir verkaufen nichts. Wir zeigen, dass gemeinsames Handeln Resultate bringt.

Die Belegschaft der TPG hat in den letzten Jahren auch kämpferische Erfahrungen gemacht, unter anderem mit einem erfolgreichen Streik.

Das hat die Verbindung zwischen dem Personal und dem SEV enorm gestärkt. Wenn man gemeinsam für ein Ziel kämpft und gewinnt, entsteht Vertrauen. Gleichzeitig zeigt ein solcher Erfolg, dass uns Rechte nicht einfach geschenkt werden. Eine Gewerkschaft muss jeden Tag für gute Arbeitsbedingungen kämpfen. Wir verteidigen unsere Errungenschaften und versuchen gleichzeitig, weitere Verbesserungen durchzusetzen. Stillstand ist keine Option.

Wo siehst du bei den Themen Migration und Diversität die grössten Herausforderungen?

Wir haben Fortschritte gemacht, aber es gibt noch viel zu tun. Wir müssen mehr Möglichkeiten schaffen, damit alle Kolleginnen und Kollegen am Gewerkschaftsleben teilnehmen können. Die Sprache ist oft eine Hürde. Manche Menschen kommen nicht an Versammlungen, weil sie Angst haben, nicht alles zu verstehen oder sich nicht ausdrücken zu können. Deshalb brauchen wir mehr Übersetzungsangebote und niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten. Diversität ist keine Herausforderung, sondern eine Stärke für unsere Gewerkschaft.

Betrifft das auch die Gesamtarbeitsverträge?

Natürlich. Rechte können nur verteidigt werden, wenn man sie kennt. Deshalb sollten wichtige Informationen und zentrale Dokumente, wo nötig, auch in weiteren Sprachen verfügbar sein. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen neu in die Schweiz und sprechen zunächst weder Deutsch noch Französisch oder Italienisch. Gerade diese Menschen dürfen wir nicht verlieren. Der SEV muss alle Beschäftigten erreichen.

An unserem Aktionstag am 3. September stand die Sicherheit des Personals im öffentlichen Verkehr im Zentrum. Wie erlebst du die Situation?

Das Thema beschäftigt viele Kolleginnen und Kollegen. Beleidigungen, Drohungen und Übergriffe gehören leider für manche zum Arbeitsalltag. Niemand sollte mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit gehen und sich fragen müssen, was heute passieren könnte. Sicherheit am Arbeitsplatz ist ein Grundrecht. Deshalb müssen Unternehmen wirksame Massnahmen ergreifen und das Personal schützen. Hier braucht es klare Signale und konkrete Verbesserungen.

Gibt es Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und der Romandie in unserer Arbeit?

Es gibt kulturelle Unterschiede, das ist normal. Aber die zentralen Anliegen sind überall dieselben: sichere Arbeitsplätze, Respekt, gute Arbeitsbedingungen und echte Chancengleichheit. In vielen Bereichen können die Regionen voneinander lernen. Entscheidend ist, dass wir als SEV gemeinsam auftreten und die Interessen aller Beschäftigten vertreten.

Dein Schlusswort?

Ich möchte alle Kolleginnen und Kollegen mit Migrationsgeschichte ermutigen, sich einzubringen. Der SEV lebt von den Erfahrungen seiner Mitglieder. Wer Probleme sieht oder Ideen hat, soll sich melden und mitmachen. Je stärker wir organisiert sind, desto mehr können wir bewegen. Solidarität kennt keine Herkunft und keine Grenzen. Gemeinsam sind wir stark und gemeinsam können wir unsere Arbeitsbedingungen verbessern.

Die Migrationstagung des SEV findet am 25. September 2026 im Hotel Olten statt.  Von 9:30 bis 16 Uhr diskutieren SEV-Mitglieder und Gäste über die Themen «Care-Arbeit und Hate Speech».

Michael Spahr

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