Pablo Guarino antwortet
Gratis-ÖV: Gut gemeint ist nicht unbedingt gut
Die Bewegung «Agissons!» hat eine Volksinitiative lanciert, die schweizweit kostenlosen Nahverkehr fordert. Warum unterstützt der SEV diese Initiative nicht?

Die Idee eines kostenlosen öV ist verlockend. Aber wer bezahlt, wer entscheidet und wer trägt die Folgen, wenn die Finanzierung nicht ausreicht?
Der SEV setzt sich für bezahlbaren öffentlichen Verkehr ein und unterstützt das Ziel, den Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr auf 50 % zu erhöhen. Doch die Gratisnutzung beseitigt Kosten nicht, sondern verlagert sie nur.
Die kostenlose Nutzung des Regional- und Ortsverkehrs würde jährlich Einnahmen von fast 4 Mia. Franken wegfallen lassen, ohne die Verluste im Fernverkehr einzurechnen. Die Initiative sieht zwar eine Finanzierung sowie Schutzbestimmungen für das Personal vor. Wie der Text jedoch konkret um-gesetzt und angewendet wird, hängt letztlich von den Mehrheiten im Parlament ab.
Aus Sicht des SEV ist das Risiko gross, dass bei der Umsetzung Sparmassnahmen stärker ins Gewicht fallen als die guten Absichten der Initiative. Politische Mehrheiten könnten die Liberalisierung des Sektors weiter vorantreiben und damit den Druck auf Arbeitsbedingungen, Löhne und Gesamtarbeitsverträge erhöhen, zum Nachteil des Service public.
Die Gratisnutzung ist kein Wundermittel, das die Strassen automatisch ent-lastet. Entscheidend sind ein dichtes und zuverlässiges Angebot, gute Anschlüsse und vor allem genügend Personal. Dafür braucht es eine nachhaltige und verlässliche Finanzierung. Als Gewerkschaft ist es unsere Aufgabe, jene Kolleg:innen zu unterstützen, die einen unverzichtbaren Service public leisten. Denn ein qualitativ hochwertiger öV setzt gute Arbeitsbedingungen voraus. Was für die Fahrgäste kostenlos ist, darf nicht auf Kosten des Personals finanziert werden.
Pablo Guarino ist Vizepräsident des SEV. Hast du Fragen an ihn oder den SEV? Schreib uns an .
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