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Pensionskassen

«Überschüsse gehören den Versicherten»

Das Personal der SBB ist in der Pensionskasse der SBB versichert, das Personal von rund 50 konzessionierten Transportunternehmungen bei der Sammelstiftung Symova. In den Stiftungsräten beider Vorsorgeeinrichtungen sitzen Vertreterinnen und Vertreter des SEV, um die Interessen der Arbeitnehmenden zu vertreten. SEV-Finanzverwalter Aroldo Cambi ist Vizepräsident beider Stiftungsräte. Ein Gespräch.

Aroldo Cambi sprach an der letzten Sektionskonferenz in Bern über die aktuelle Situation bei den Pensionskassen.

Im Moment hat man das Gefühl, wir befinden uns in einer globalen Dauerkrise: neue Kriegshandlungen im Nahen Osten, steigende Ölpreise – und damit auch Turbulenzen an den Finanzmärkten. Das schlägt ja oft direkt auf die Pensionskassen durch. Du bist Vizepräsident der Stiftungsräte beider grossen Vorsorgeeinrichtungen des öffentlichen Verkehrs. Aroldo, hast du im Moment schlaflose Nächte?

Ich habe keine schlaflosen Nächte. Grundsätzlich ist die Lage der Schweizer Pensionskassen gut bis sehr gut. Einzelne Schockereignisse, wie jetzt dieser erneute Kriegsausbruch, führen zwar jeweils zu kurzfristigen, heftigen Marktreaktionen, aber historisch gesehen erholen sich die Märkte meist rasch wieder. Das war beim Ausbruch des Kriegs in der Ukraine vor vier Jahren so, und sogar bei der Covidpandemie. Was uns jedoch strukturell belastet, ist das erneute tiefe Zinsniveau. Pensionskassen müssen aus Sicherheits- und Stabilitätsgründen einen Drittel bis die Hälfte ihres Vermögens in risikoarmen bzw. festverzinslichen Anlagen halten. Diese bringen bei tiefen Zinsen kaum Ertrag – und das ist langfristig herausfordernder als jeder kurzfristige geopolitische Schock.

Könnten die Kassen denn nicht einfach die Strategie ändern und stärker auf Immobilien oder Aktien setzen, wo die Renditen im Moment höher sind?

Eine gute Strategie bleibt auch in schlechten Zeiten eine gute Strategie. Man macht nur kleine Anpassungen innerhalb fest definierter Bandbreiten. Immobilien und Aktien sind langfristig attraktiv, aber sie sind eben auch volatiler. Das heisst, dass Kurse, Preise oder Märkte dort stärker, schneller und unvorhersehbarer schwanken. Gerade während Krisen versucht man zuerst, Cashflows zu sichern: also stabile Mieterträge, Zinsen, Dividenden. Aber es gibt Grenzen. Diversifikation bleibt das A und O, damit Schwankungen abgefedert werden. Dazu kommt der Herdentrieb: Kaum ein Gremium wagt radikale Schritte, die ausserhalb des allgemeinen Marktverhaltens stehen würden.

Kommen wir zu unseren grossen Pensionskassen. Der SEV ist sowohl in der PK SBB als auch in der Sammelstiftung Symova vertreten. Bei der Symova ist zuletzt einiges passiert. Was läuft dort?

Die Symova hat in den letzten 15 Jahren eine richtige Erfolgsgeschichte hingelegt: stets überdurchschnittliche Renditen, dank einer griffigen Strategie mit dem richtigen Rendite- Risikoprofil. Dank dieser Entwicklung konnten wir ein Beteiligungsmodell einführen, das dieses Jahr erstmals operativ angewendet wurde. Das Modell erlaubt es, bei sehr guten Resultaten einen Teil der Überschüsse als höhere Verzinsung oder Rentenzuschüsse auszuschütten. Im 2025 gab es teils über vier Prozent Verzinsung für die Versicherten sowie spürbare Zuschläge für die Rentnerinnen und Rentner.

Was steckt genau hinter diesem Beteiligungsmodell?

Früher wurde jährlich ad hoc diskutiert: «Geben wir 2 Prozent Zins, oder 3? Und Rentenzuschüsse – ja oder nein?» Das war wenig systematisch. Mit dem Beteiligungsmodell haben wir eine klare, transparente Grundlage: Deckungsgrad, Performance und – je nach Situation – die Teuerung bestimmen, was maximal ausgeschüttet werden kann. Der Spielraum des Stiftungsrats ist kleiner, aber die Fairness und Berechenbarkeit sind grösser.

Als Vertreter der Arbeitnehmenden musstest du die Arbeitgebervertretung im Stiftungsrat für dieses Beteiligungsmodell gewinnen. Musstest du viel Überzeugungsarbeit leisten?

Nein, ich hatte den Vorteil, dass ich dieses Modell aus der PK SBB bereits kannte. In der Symova wurde die Idee gut aufgenommen. Arbeitgeber- und Arbeitnehmendenseite zogen am gleichen Strick. Wir hatten inhaltliche Diskussionen, aber im Grundsatz waren alle überzeugt: Überschüsse gehören den Versicherten – nicht permanent dem Tresor der Pensionskasse.

Das klingt auf den ersten Blick gut für die Versicherten. Aber steigt dadurch nicht das Risiko, dass in schlechten Zeiten plötzlich Geld fehlt?

Nur, wenn man masslos ausschütten würde. Das tun wir nicht. Wenn wir zum Beispiel 7 % Performance haben, schütten wir vielleicht 4–5 % aus. Der Rest stärkt den Deckungsgrad. Es ist eine Gratwanderung, aber eine kontrollierte. Wichtig ist: Überschüsse über Jahrzehnte einfach zu horten – das wäre nicht fair gegenüber den bestehenden Versicherten.

Zum Schluss: Nicht alle Transportunternehmungen sind in der Symova dabei. Wie offen ist die Symova, weitere Transportunternehmungen aufzunehmen?

Sehr offen. Die Symova ist finanziell, organisatorisch und personell stark aufgestellt. Ich empfehle sie oft kleineren und mittleren Betrieben, vor allem wenn deren eigene Pensionskasse teuer ist oder die Anlagestrategie nicht wunschgemäss fruchtet. Ein Wechsel ist grundsätzlich problemlos innerhalb kurzer Zeit möglich – und für manche Unternehmen ein echter Gewinn.

Michael Spahr