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Gewalt gegen Mitarbeiterinnen im öV

Alarmierende Zahlen in Europa

Die Europäische Transportarbeiter:innen-Föderation (ETF) hat von 2025 bis 2026 eine umfassende Umfrage unter 1732 Transportarbeiterinnen aus 27 europäischen Ländern, worunter auch der Schweiz, durchgeführt. Im Fokus standen die Erfahrungen von Frauen mit Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Gewalt ist für viele Frauen, die im öffentlichen Verkehr arbeiten, keine Ausnahme, sondern Teil ihres Arbeitsalltags.

Besonders betroffen ist der Eisenbahnsektor. Während sektorübergreifend 71,1 % der Befragten angaben, in ihrem aktuellen Job Gewalt oder Belästigung erlebt zu haben, liegt dieser Wert bei der Bahn sogar bei 82,5 % und damit höher als in allen anderen untersuchten Verkehrsbereichen.

Gewalt wird zur Normalität

Die häufigste Form von Gewalt sind verbale Übergriffe. Rund 75 % der Betroffenen berichten von Beschimpfungen, Beleidigungen oder Belästigungen. Mehr als die Hälfte der jüngsten Vorfälle (53,4 %) wurden von Kundinnen und Kunden verursacht. Gleichzeitig erleben viele Beschäftigte Gewalt regelmässig: Mehr als vier von zehn Befragten gaben an, innerhalb eines Monats mehrfach Gewalt oder Belästigung ausgesetzt zu sein.

Die Aussagen der Betroffenen verdeutlichen die Folgen dieser Entwicklung. Eine Eisenbahnerin aus Schweden beschreibt ihre Situation so: «Ich fühle mich bei der Arbeit oder wenn ich nach einer Schicht nach Hause gehe nicht immer sicher. Manchmal habe ich Albträume.» Eine andere Bahnmitarbeiterin erklärt: «Der Stress baut sich auf. Es ist nicht der eine Zwischenfall – es ist die ständige Wiederholung.»

Mehr als die Hälfte der Befragten berichtet von negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Gleichzeitig sehen 60,8 % der Teilnehmerinnen eine männlich dominierte Arbeitsplatzkultur als wesentlichen Grund für die unterschiedliche Gewaltexposition von Frauen. Oft herrsche eine Kultur, die sexistisches und missbräuchliches Verhalten normalisiere. Angst vor beruflichen Nachteilen sowie mangelnde Rechenschaftspflicht und eine Kultur des Schweigens erschweren es Betroffenen, Vorfälle zu melden.

Gewerkschaften fordernUmsetzung der ILO-Konvention 190

Aus gewerkschaftlicher Sicht machen die Ergebnisse deutlich, dass Gewalt und Belästigung nicht als individuelles Problem einzelner Beschäftigter betrachtet werden dürfen. Sie sind ein strukturelles Risiko am Arbeitsplatz und erfordern entschlossenes Handeln von Unternehmen und Politik. Deshalb fordern sowohl die ETF als auch der SEV die konsequente Umsetzung der ILO-Konvention 190 der Internationalen Arbeitsorganisation. Das Übereinkommen anerkennt erstmals weltweit das Recht auf eine Arbeitswelt frei von Gewalt und Belästigung und verpflichtet die Staaten zu wirksamen Schutzmassnahmen.

Für die Schweiz ist dieses Thema aktuell besonders relevant. Das eidgenössische Parlament wird sich voraussichtlich noch dieses Jahr mit der Frage befassen, ob die Schweiz die ILO-Konvention 190 ratifizieren soll. Die vorliegenden Umfrageergebnisse zeigen eindrücklich, weshalb ein solcher Schritt wichtig wäre. Gewalt und Belästigung sind nicht nur ein europäisches, sondern auch ein schweizerisches Thema. «Es ist enorm wichtig, dass das Schweizer Parlament hier ein klares Zeichen setzt», sagt Sibylle Lustenberger, Gewerkschaftssekretärin für Frauen beim SEV. «56 Länder haben das Abkommen bereits ratifiziert, davon 21 europäische Länder, einschliesslich all unsere Nachbarstaaten. Die Konvention 190 anerkennt das grundlegende Recht jeder Person auf ein sicheres, respektvolles und gewaltfreies Arbeitsumfeld. Eine Ratifizierung stärkt die Anerkennung dieses Rechts und sendet ein deutliches Signal an die Unternehmen, hier vorwärtszumachen.»

Grund, den Beruf zu wechseln

Besonders problematisch ist, dass viele Betroffene das Vertrauen in die bestehenden Meldesysteme verloren haben. Nur 50,8 % meldeten den letzten Vorfall offiziell. Lediglich 36 % der formellen Meldungen führten zu einer Untersuchung, und nur 26,9 % hatten Konsequenzen für die Täter. Kein Wunder, dass 65,1 % der Befragten bereits darüber nachgedacht haben, ihren Beruf zu verlassen.

Für die Gewerkschaften ist deshalb klar: Gewalt ist kein Berufsrisiko, das Beschäftigte einfach hinnehmen müssen. Es braucht mehr Personal, bessere Sicherheitskonzepte, wirksame Meldeverfahren, Schutz vor Vergeltungsmassnahmen und eine Unternehmenskultur, die Respekt und Gleichstellung fördert. Die Stimmen der Betroffenen aus ganz Europa, darunter auch aus der Schweiz, senden eine klare Botschaft: Gewalt ist nicht Teil des Jobs.

Michael Spahr

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