Gelebte Solidarität in Krisenzeiten
90 Jahre Schweizerisches Arbeiterhilfswerk
1936 gründeten SGB und SP das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH. Dies als Antwort der Arbeiterbewegung auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Bis heute verkörpert das SAH den gewerkschaftlichen Gedanken der Selbsthilfe und die gelebte Solidarität. Mit dem Ziel, den sozialen Wandel aktiv mitzugestalten, schuf die Organisation frühzeitig Strukturen für die Arbeitsintegration, die heute als staatlicher Standard gelten.

Die 1930er-Jahre waren geprägt von der Weltwirtschaftskrise und dem damit verbundenen Erstarken des Faschismus in Europa. Die Schweizer Arbeiterbewegung reagierte darauf und bündelte ihre sozialen Initiativen zu einer zentralen Organisation. Mit der Gründung des SAH legten sie den Grundstein einer jahrezehntelangen Pionierarbeit. Bereits in den Anfangsjahren leistete das Hilfswerk bedeutende internationale Arbeit, etwa während des Spanischen Bürgerkriegs oder mit dem Projekt «Colis suisse», bei dem über 100 000 Hilfspakete an notleidende Menschen in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges verschickt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich das SAH in der emanzipatorischen Entwicklungszusammenarbeit und unterstützte den Wiederaufbau gewerkschaftlicher Strukturen von Europa bis Nordafrika. Trotz staatlicher Überwachung während des Kalten Krieges setzte die Organisation dabei konsequent auf gleichberechtigte Partnerschaften statt auf geopolitisch motivierte Hilfe.
Pioniergeist in der grossen Krise
Auch im Inland blieb das SAH an vorderster Front aktiv. Ab 1956 betreute die Organisation politische Flüchtlinge aus Ungarn, später aus Chile, der Türkei und Sri Lanka, während sie sich gleichzeitig gegen Verschärfungen des Asylrechts wehrte. Ab 1984 rückte die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ins Zentrum, die dann vor allem in den 1990er-Jahren massiv anstieg. Unter anderem waren der strukturelle Wandel, eine schwache Konjunktur und das Ende des Saisonnier-Statuts Ursachen. Zur Zuspitzung der Situation trug auch bei, dass sich in der Krise erstmals Frauen nicht aus dem Arbeitsmarkt drängen liessen.
Bei über 250 000 Arbeitslosen und einer Quote von über 5 % reagierte das SAH mit gezielten Massnahmen, lange bevor die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) existierten. Zu diesen Pionierangeboten gehörten das soziale Temporärbüro Etcetera, aber auch die Beratung impuls sowie Integrationsprojekte wie Co-Opera. Damit leistete das SAH einen zentralen Beitrag im Kampf gegen Armut und bot arbeitslosen Menschen Partizipationsmöglichkeiten. Denn Betroffene sollten nicht nur Empfänger von Hilfe sein, sondern das Geschehen aktiv mitgestalten können.
Zwischen Fachkräftemangel und politischem Gegenwind
Ab 2005 reagierte das SAH auf kantonale Kompetenzverlagerungen mit einer Reorganisation in eigenständige Regionalvereine, während die internationale Arbeit an Solidar Suisse überging und ein Nationales Sekretariat die Koordination übernahm. Diese Neustrukturierung schärfte das Profil als linkes Hilfswerk, das auf Krisen wie die Finanzrezession 2008 oder die Fluchtbewegungen ab 2015 mit verstärktem Einsatz für soziale Gerechtigkeit antwortete. Seit der Integrationsagenda 2019 liegt der Schwerpunkt heute darauf, geflüchtete Menschen rascher in den Arbeitsmarkt einzugliedern.
In diesem Kontext bewegt sich das SAH heute im Spannungsfeld zwischen basisnaher Unterstützung und wachsender Institutionalisierung. Gemeinsam mit dem Dachverband Arbeitsintegration Schweiz (AIS) und der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) engagiert sich das SAH für den Zugang zur Erwerbsarbeit als Schlüssel gesellschaftlicher Teilhabe und tritt politischen Tendenzen der Abschottung entschieden entgegen.
Gerade in den vergangenen Jahren ist der Ruf nach Abschottung lauter geworden und dürfte mit der Abstimmung über die sogenannte Chaos-Initiative im Juni 2026 einen vorläufigen Höhe- oder vielmehr Tiefpunkt erreichen. Für das SAH steht trotz Fachkräftemangel, politischem Druck und komplexer Rahmenbedingungen fest: Ziel muss eine Sozialpolitik bleiben, die den Menschen dient und faire Chancen ermöglicht. Die Geschichte der letzten 90 Jahre zeigt eindrücklich, dass sich gesellschaftlicher Wandel mit Mut und einer starken Zivilgesellschaft gerecht gestalten lässt. Umso mehr sind wir heute gefordert, dem Beispiel des SAH zu folgen und Menschlichkeit höher zu gewichten als Misstrauen.
Sarah Thomas
Hast du einen Kommentar oder eine Frage zum Artikel? Schicke eine Mail an den/die Autor:in oder an