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Auf den Spuren von …

Matthias Pittet, Lokomotivführer

Student der Kulturwissenschaften, Lokomotivführer und Präsident des LPV Zürich: Matthias Pittet vereint diese Gegensätze in seinem Leben und schafft dabei den Spagat zwischen Führerstand und Gewerkschaft. Wenn es um seine Kolleginnen und Kollegen geht, ist dem Zürcher gelebte Solidarität sehr wichtig.

Die grössten Pendlerströme des Morgens sind bereits vorbei. Dennoch herrscht im Zürcher Hauptbahnhof weiterhin reger Betrieb. Auf Perron 5 begrüsst Matthias Pittet einen Lokomotivführer, der soeben mit dem Luzerner Schnellzug eingetroffen ist. Sobald sein Blick auf die rote Lokomotive fällt, gerät der 38-Jährige ins Schwärmen.

«Diese Lokomotive, die Re 460, wurde vom renommierten italienischen Designstudio Pininfarina gestaltet – jenem Studio, das auch für Ferrari arbeitet.» Besonders beeindruckt ihn die Verbindung von Ästhetik und Leistung: «Einerseits ist es das unverwechselbare Design im ikonischen SBB-Rot, andererseits die Leistung von 8300 PS. Es ist jedes Mal ein Genuss, mit ihr zu fahren», erklärt Matthias Pittet,m und seine Begeisterung für die vielseitige Lokomotive ist unverkennbar.

Zwischen Verantwortung und Aussicht

An diesem Tag beginnt Pittets Schicht erst am Nachmittag. Meist fährt er S-Bahnen in Spät- und Nachtschichten. «Das bedeutet viel Anhalten und wieder Anfahren», sagt er. Umso mehr schätzt er längere Strecken. «Eine Fahrt nach Chur ist schon etwas Schönes. Vor allem die Abendfahrten. Dann erlebt man den Übergang vom Tag zur Nacht, die sogenannte blaue Stunde. Das ist einfach fantastisch.» Als Lokomotivführer geniesst er dabei eine Perspektive, die den Fahrgästen verborgen bleibt: den freien Blick aus dem Führerstand auf die vorbeiziehende Landschaft. Doch die Aussicht ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Mit einem Lächeln ergänzt er, dass der Beruf weit mehr umfasst. Schliesslich tragen Lokomotivführer:innen eine grosse Verantwortung für Hunderte von Reisenden. Sie müssen auf jede denkbare Situation vorbereitet sein. «Das ist der Kern meines Berufes – und genau das macht ihn so spannend.» Dabei war Lokomotivführer keineswegs sein Kindheitstraum. Ursprünglich schlug Pittet einen ganz anderen Weg ein. Er begann mit dem Studium der Rechtswissenschaften, bevor er sich entschied, zur SBB zu wechseln. 2015 absolvierte er die Ausbildung zum Lokomotivführer.

Ferien ohne Auto

Dem öV war er allerdings schon lange verbunden. «Wir hatten kein Auto. Unsere Ferienziele mussten immer mit dem Zug erreichbar sein», erzählt er. Seit 2003 besitzt er ein Generalabonnement.

Bereits während der Maturazeit nutzte er Zugfahrten zum Lernen. «Meine Lieblingsstrecke war Schaffhausen–Tirano und zurück. So konnte ich auf angenehme Weise reisen und gleichzeitig meine Bücher durcharbeiten.» Heute sitzt er nicht nur im Führerstand, sondern studiert neben seiner Arbeit Kulturwissenschaften.

Stolz auf die Bahn, Kritik am Sparkurs

Neben Studium und Beruf engagiert sich Matthias Pittet auch gewerkschaftlich. Seit einem Jahr steht er als Präsident des LPV Zürich in der Verantwortung. An seinem Beruf schätzt er vieles. Gleichzeitig sieht er Herausforderungen. «Es ist schon einzigartig, wie wir ein derart komplexes Verkehrssystem mit einer solchen Pünktlichkeit betreiben können.» Darauf sei er stolz. Kritisch sieht er hingegen den zunehmenden Sparzwang.

In erster Linie setzt er sich für die Anliegen der Lokführerinnen und Lokomotivführer ein. Gleichzeitig betont er, dass der Bahnbetrieb nur als Gemeinschaftsleistung funktioniere. «Von der Reinigung über die Zugbegleitung bis zum Unterhalt tragen viele Berufsgruppen dazu bei, dass der Zug fahren kann.» Es sei ihm wichtig, dass alle Mitarbeitenden gute Arbeitsbedingungen vorfinden und ihre Arbeit gerne ausüben können. «Der SEV vertritt als Gesamtverkehrsgewerkschaft all diese Berufsgruppen. Für diese Werte stehe ich ein.»

Wenn Solidarität zählt

Manche Situationen in seinem Beruf bleiben lange in Erinnerung. «Ich habe zum Glück noch keinen Personenunfall erlebt», sagt Pittet. Dennoch wurde er einmal indirekt mit einem solchen Ereignis konfrontiert. Als er als Passagier im RegioExpress von Schaffhausen nach Zürich unterwegs war, ereignete sich vorne im Zug ein Personenunfall. Der betroffene Lokomotivführer war ihm zuvor völlig unbekannt. Dennoch nahm Pittet Kontakt mit ihm auf und bot seine Unterstützung an. «Ich fragte ihn, ob ich zu ihm nach vorne kommen und ihm etwas Beistand leisten solle.» Aus dieser schwierigen Situation entstand eine besondere Verbindung. «Wenn wir uns heute begegnen, tauschen wir uns oft aus.»

Für Pittet zeigt sich gerade in solchen Momenten die Bedeutung gewerkschaftlicher Solidarität. Kolleginnen und Kollegen müssten wissen, dass sie in belastenden Situationen nicht allein sind. «Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer Gewerkschaft, Menschen beizustehen, wenn sie Unterstützung brauchen.»

Renato Barnetta

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