Auf den Spuren von …
Rebeca Eicher, Zugchefin RhB

Auf den schönsten Bahnstrecken der Schweiz sorgt Rebeca Eicher als Zugchefin der Rhätischen Bahn (RhB) für einen sicheren und reibungslosen Betrieb. Besonders schätzt die 27-jährige Churerin die Begegnungen mit Reisenden aus aller Welt. Wenn Fahrgäste Grenzen überschreiten, weiss sie sich durchzusetzen
Mit einem breiten Lachen läuft Rebeca Eicher durch die Hauptunterführung des Churer Bahnhofs. Auf dem Weg zum Personalraum hält sie kurz bei einigen Reinigungskräften an, die gerade einen Zug des Bernina Express reinigen. Ein kurzer Schwatz gehört dazu. «Die Rhätische Bahn ist wie eine grosse Familie», erzählt sie. Am Bahnhof Chur ist während der Zwischensaison wenig los. Die Temperaturen sind herbstlich kühl, die Bäume verfärben sich bereits. Rebeca Eicher ist seit sieben Uhr morgens unterwegs. Ihr Arbeitsplatz ist der Zug, der sie durch die Bündner Bergwelt führt – dorthin, wo andere Ferien machen. «Aber heute hatte ich keine spektakuläre Linie», sagt sie schmunzelnd. «Ich fuhr die Strecke von Landquart nach Klosters und wieder zurück. Und das gleich mehrmals.» Es ist früher Nachmittag, ihr Feierabend rückt näher.
Kundschaft aus aller Welt
Die Arbeit bei der RhB gefällt der 27-Jährigen. Auch wenn nicht immer alles rundläuft, schätzt sie vor allem den Kontakt mit den Reisenden. Mit ihrer rot-schwarzen Uniform und ihrem fröhlichen Lachen dürfte sie bei vielen Fahrgästen gut ankommen. Gerne erinnert sie sich an Begegnungen, die ihr in Erinnerung geblieben sind. «Ich hatte einmal eine herrlich aufgestellte tibetische Reisegruppe im Zug. Die hatte ein Riesengaudi an mir», erzählt sie lachend. Solche Erlebnisse würden ihren Arbeitsalltag bereichern. «Das ist halt etwas Schönes, was hängen bleibt.»
Ihre berufliche Laufbahn bei der RhB begann Rebeca Eicher mit einer Lehre als Fachfrau öV mit Schwerpunkt Planung. Während ihrer Ausbildung durfte sie zwei Monate lang den Zug begleiten und so den Bahnbetrieb aus nächster Nähe kennenlernen. Diese Erfahrung veränderte ihre beruflichen Pläne: «Nach diesen zwei Monaten war mir klar, dass ich nach der Lehre nicht im Büro bleiben, sondern weiterhin im Zug arbeiten möchte.» Nach dem Lehrabschluss absolvierte sie eine viermonatige Zusatzausbildung. Seither ist sie als Zugchefin unterwegs – mittlerweile seit rund sieben Jahren. «Ich habe ein fahrendes Büro und kann meine Aufgaben zum grössten Teil selbst einteilen», erklärt sie.
Grosse Verantwortung
Als Zugchefin trägt Rebeca Eicher Verantwortung für die Sicherheit und den reibungslosen Ablauf der Zugfahrt. Dazu gehört auch, in schwierigen Situationen klare Grenzen zu setzen. Dass dies notwendig sein kann, hat sie selbst erlebt. Bei einem Vorfall entblösste sich ein Passagier im Zug und berührte sich auf anzügliche Weise vor anderen Reisenden. «Ich musste die Polizei holen und den Passagier aus dem Zug entfernen lassen», erzählt sie bestimmt. «Ich habe klargemacht, dass ich nicht weiterfahre, bis dieser Passagier meinen Zug verlassen hat.» In einer solchen Situation müsse sie als Zugchefin konsequent handeln können.
Im Alltag begegnet sie jedoch überwiegend friedlichen Reisenden. Viele Touristen geniessen ihren Ausflug durch die Bündner Bergwelt und sind gut gelaunt. Sexuelle Übergriffe hat Rebeca Eicher selbst bisher nicht erlebt. Anzügliche Sprüche von älteren Herren kommen hingegen gelegentlich vor. Was diese als Scherz verstehen, löse bei ihr wenig Begeisterung aus, erklärt die Zugchefin.
Engagiert gegen Gewalt
Auch solche Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, Gewalt und Grenzüberschreitungen im öffentlichen Verkehr zum Thema zu machen. Deshalb engagierte sich Rebeca Eicher am Aktionstag «Stopp Gewalt» als Helferin. In Zürich verteilte sie Flyer und beantwortete zahlreiche Fragen von interessierten Reisenden. Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Transportunternehmen erfuhr sie von teils erschütternden Vorfällen. «Wenn ich das höre, mache ich mir schon Gedanken, was wäre, wenn mir so etwas passieren würde.» Die Gespräche am Aktionstag machten ihr aber auch Mut. Viele Reisende reagierten positiv darauf, dass sich die Gewerkschaft für den Schutz des Verkehrspersonals einsetzt.
125 Jahre ZPV Calanda
Auch gewerkschaftlich engagiert sich Rebeca Eicher. Im Vorstand des ZPV Calanda ist sie als Beisitzerin tätig. Zudem gehört sie dem Organisationskomitee für das bevorstehende Jubiläum an. Im kommenden Jahr feiert die Sektion ihr 125-jähriges Bestehen. Für die Feierlichkeiten hat sie ein klares Anliegen: «Wir möchten für unsere Mitglieder etwas Gutes tun.» Ihre Motivation, sich gewerkschaftlich zu engagieren, ist gross. Sie möchte mithelfen, etwas zu bewegen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. «Es ist schön, wenn man weiss, dass man etwas verändern und verbessern kann.» Den Schritt, dem SEV beizutreten, hat sie bis heute nicht bereut. «Es ist einfach lässig, miteinander und füreinander etwas zu tun.»
Kurz vor Feierabend scherzt Rebeca Eicher noch mit einem Lokführer, der wenige Minuten später nach Disentis aufbrechen muss. Die gebürtige Churerin lebt ihre Arbeit mit Begeisterung. Und in Chur, zwischen Bahnhof, Kolleginnen und Kollegen sowie den Bergen ihrer Heimat, fühlt sie sich sichtlich wohl.
Renato Barnetta