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Auf den Spuren von ...

Manuel José de Lima, Busfahrer in Lausanne

Auf seinem Weg von Frankreich über Portugal nach Lausanne hat Manu so einiges erlebt: Holzfäller, Lieferfahrer, Schausteller, Patissier, Schreiner – bevor er Busfahrer bei den Lausanner Verkehrsbetrieben TL wurde. Er engagiert sich als Fussballtrainer und in der Integration. Selbstverständlich landete er bei der Gewerkschaft, überzeugt vom Motto «zusammen ist man immer stärker». Inzwischen ist er Sektionspräsident und vertritt eine menschliche, verbindende und entschlossene Haltung.

Er kam 1967 in Frankreich zur Welt, in einer Familie, die in den 60er Jahren aus Portugal eingewandert war. Die ersten drei Monate lebte Manuel José Antunès de Lima in einem Vorort von Paris, bevor ihn seine Eltern der Grossmutter in Portugal anvertrauten. Das war in Arbeiterfamilien zu dieser Zeit eine gängige Praxis. Er verbrachte dort die obligatorische Schulzeit und ging ins Militär. Sein Vater wollte, dass er lange zur Schule geht, aber Manu wollte «etwas Konkretes». Er macht eine Lehre als Holzfäller und Säger, dann springt er von einer Arbeit zur andern: in der familieneigenen Bäckerei-Patisserie, als Feldarbeiter und Lieferfahrer.

1996 kommt er definitiv in «das Land seiner Träume», in die Schweiz, die er seit einem ersten Besuch bewundert. Erneut bewegt er sich von Stelle zu Stelle, vom Mann für alles bei einem Schausteller bis zum Mitarbeiter einer Schreinerei.

Vom Rummelplatz ans Steuer

Schritt für Schritt führen ihn zufällige Begegnungen zur Animation, in den Sport und ins Vereinsleben. In einem Verein für Ausländer in der Schweiz setzt er sich für eine bessere Integration der Neuankommenden ein. Er lernt dazu, passt sich an, übersteht gar einen schweren Verkehrsunfall, der ihn zu einer Neuorientierung zwingt. Seine Laufbahn sagt viel über seine Widerstandsfähigkeit aus. «Ich musste immer wieder bei null anfangen, aber ich hatte nie Angst davor. Solange man vorwärtskommt, fällt man nicht.»

Mehr aus Zufall landet er 2008 auf Empfehlung eines Freundes bei den TL. «Am Anfang war ich gar nicht begeistert, doch nun liebe ich es», schmunzelt er. Autofahren hatte Manu schon immer im Blut. Noch sehr jung machte er Fahrten mit einem Minibus für einen Bekannten. Bei den TL findet er einen Beruf voller Herausforderungen: Nachtschichten, am Morgen sehr früh starten, lange Dienstschichten. «Die Dienstpläne machten mir nie Angst. Ich habe immer hart gearbeitet.» Was ihm gefällt? Die Bewegung, die Strasse, die lebendige Stadt, die vorbeizieht. Was ihn stört? Belästigungen, Zeitdruck, die Spannungen, die Fahrerinnen und Fahrer allzu oft allein bewältigen müssen. «Wir lieben den Beruf, aber es ist nicht immer einfach. Manchmal muss man daran erinnern, dass hinter jedem Steuerrad ein Mensch sitzt.» Aber auch da bleibt er seiner Philosophie treu: aus Schwierigkeiten Energie schöpfen. «Wenn du siehst, dass viele die gleichen Sorgen haben, begreifst du, dass es eine gemeinsame Lösung braucht.»

Manu findet seinen Ausgleich im Fussball. Seit Jahren trainiert er Junioren und begeistert sie, gibt ihnen einen Rahmen und lernt sie den respektvollen Umgang. «Mit den Jungs lernst du, die verschiedenen Charaktere zu führen, Vertrauen zu vermitteln und sie zu ermutigen, ohne Druck zu machen. Und nie jemanden am Rand stehen lassen – wie in der Gewerkschaft.»

Die Gemeinschaft als Richtschnur

Wer ihn kennt, weiss: Manu gehört zu jenen, die sich Zeit nehmen. Eine Hand auf die Schulter, ein offenes Ohr, Diplomatie. Er ist immer bereit, etwas zu erklären, zu beruhigen, zu ermutigen. «Mit Geschrei kommt man nicht weiter, weiter kommt man mit Respekt.»

Er kommt in den Sektionsvorstand und sagt vor bald zwei Jahren eher widerwillig zu, Präsident der Sektion zu werden. Geduldig baut er auf. «Immer in Teamarbeit. Wenn jemand eine bessere Idee hat, übernehme ich sie. So kommen wir weiter.» In seiner Sektion mobilisiert er ohne Druck, vereint, ohne jemanden zu überfahren. Seine ruhige, natürliche Stärke wirkt wie ein Magnet. Seine frühere Vereinstätigkeit nährt seine heutige Tätigkeit in der Gewerkschaft: Einbezug, Solidarität, Antrieb. Für ihn ist der Beitritt zur Gewerkschaft keine Frage der Ideologie, sondern ein grundlegender Akt der Würde. «Das ist wichtig, denn niemand soll allein sein. Gemeinsam verteidigt man sich besser.» Ein besonderer Moment: seine Rede vor 25 000 Personen bei einer grossen Kundgebung der öffentlichen Dienste. «Am Anfang hatte ich Angst. Dann dachte ich an meine Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich zu ihnen spreche, finde ich Halt.»

Manu liest Biografien und historische Erzählungen, er wandert in den Bergen, schaut mit Begeisterung Fussball, ganz besonders Benfica. Er ist verheiratet und Vaters eines heranwachsenden Sohnes, der sich ebenfalls engagiert «in der Musik und im Leben». Im gemütlichen Zuhause werden Schweizer Küche und portugiesische Spezialitäten kombiniert.

Für ihn ist klar: Wichtig ist nicht, was man isst, sondern mit wem. «Das Gemeinschaftliche, immer», nennt er lachend den roten Faden, der alle Kapitel seines Lebens verbindet. Am Anfang und am Ende mit der gleichen Überzeugung: Alles entsteht gemeinsam. Manu betont, dass seine ruhige Kraft nichts mit Zufall zu tun hat. Sie ist das Produkt eines Lebens, das er mit Zuhören, Vereinen und Ermutigen verbracht hat. Und mit dem Beweis, Tag für Tag, dass die Gemeinschaft nicht eine Idee ist, sondern eine Lebenseinstellung.

Yves Sancey

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