Güterverkehrstagung für das Lokpersonal
Güter gehören immer noch auf die Schiene!
Trotz Krise hat der Schienengüterverkehr Zukunft. Darüber waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Güterverkehrstagung für das Lokpersonal einig. Am 20. Mai luden der SEV und der Unterverband LPV zu Referaten und Diskussionen nach Bern ein.

LPV-Zentralpräsidentin Hanny Weissmüller und SEV-Vizepräsidentin Barbara Keller begrüssen die Lokführerinnen, Lokführer und Güterverkehrsexperten aus der Schweiz, Frankreich und Österreich. Zu reden gibt die Ankündigung von SBB Cargo einen Tag zuvor, beim Einzelwagenladungsverkehr weiter abzubauen. Die Betroffenheit und auch die Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen ist gross. In ganz Europa weht dem Ziel, den Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern, ein eisiger Wind entgegen. Trotzdem kämpfen Gewerkschaften lokal und international weiter.
Grenzüberschreitender Verkehr braucht internationale Regeln
Die Zukunft des Güterverkehrs ist international. Der Lokführer und Gewerkschafter der französischen CGT, Hervé Pineaud, referiert über die Train Drivers Directive (TDD), die im Moment überarbeitet wird. Die TDD ist eine EU-Richtlinie, die Mindestanforderungen an die Ausbildung, Gesundheit, Ruhezeiten und Sicherheitsverfahren für das Lokpersonal festlegt, um grenzüberschreitenden Schienenverkehr sicher und einheitlich zu regeln. Auch die Schweiz hält sich an die Richtlinie. Die Handhabung ist jedoch weiterhin sehr unterschiedlich. Es gibt Länder, die sehr streng sind, beispielsweise bei den Vorgaben zur Ausbildung. Das ist aus gewerkschaftlicher Sicht begrüssenswert. Oft versuchen Unternehmungen zu sparen und senken Ausbildungsanforderungen.
Zu reden gibt weiterhin die gemeinsame Sprache. Nicht im Sinn der europäischen Gewerkschaften ist die Einführung von Englisch als internationale einheitliche Lokführersprache, wie das die EU-Kommission fordert. Sie führt zu Diskriminierung und schliesst viele Menschen vom Beruf aus. Es wäre auch absurd, wenn plötzlich schweizerische und französische Lokführer:innen, die beide fliessend Französisch sprechen, plötzlich Englisch miteinander kommunizieren müssten.

Der Lokführer Marco Hörtenhuber-Stuhl von der österreichischen Gewerkschaft Vida spricht über das European Train Control System. Das ETCS bestimmt Sicherheitsstandards und Massnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit im europäischen Schienenverkehr. Eigentlich arbeiten die europäischen Bahnunternehmen seit den 1990er-Jahren an dessen Einführung. Nach wie vor sind die Systeme in Europa nicht einheitlich. Ende 2024 waren nur gerade 17 % des transeuropäischen Verkehrsnetzes mit ETCS ausgestattet.
Es ist leider nur eine Frage der Zeit …
Über Sicherheit spricht auch Philipp Thürler von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). Er zeigt die Erkenntnisse der Untersuchung des Unfalls im Gotthard-Basistunnel (GBT) 2023 auf. Die Sust konnte auch auf Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern zurückgreifen. Die Ursache der Entgleisung im GBT ist ein Radscheibenbruch, der eine Folge einer thermischen Überbelastung der Lauffläche war. Ähnliche Radbrüche gab es europaweit schon vielfach, jedoch selten mit solch heftigen Auswirkungen wie am Gotthard. Die Tagungsteilnehmer:innen diskutieren darüber, wie solche Radbrüche verhindert werden können. Klangproben sind ein Mittel. Offenbar arbeitet man auch an Untersuchungsmethoden mit Hilfe von KI. Doch ausschliessen lassen sich solche Unfälle nicht. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das wieder passiert», sagt Marco Hörtenhuber-Stuhl. Auch hier scheitern Sicherheitsmassnahmen oft am kommerziellen Druck. Für Unfälle wie im GBT haftet zurzeit nicht der Wagenhalter, sondern das Bahnunternehmen, das die Wagen befördert. «Die Sicherheit würde verbessert, wenn die Wagenhalter vermehrt in die Pflicht genommen würden», ist man sich einig.

Der Druck, den der sogenannt freie Markt auf den Schienengüterverkehr ausübt, ist das Thema des Referats von SEV-Präsident Matthias Hartwich. Der Einzelwagenladungsverkehr hat eigentlich viele Vorteile gegenüber der Strasse. Aber im Moment sind die Rahmenbedingungen für den Strassentransport so vorteilhaft, dass es kaum möglich ist, den EWLV gewinnbringend zu betreiben. Deshalb braucht es öffentliche Investitionen. «Der Schienengüterverkehr muss endlich als Service public begriffen werden», fordert Matthias Hartwich.
Digitale Automatische Kupplung
Der letzte Redner des Tages ist Philipp Hadorn, SEV-Gewerkschaftssekretär und ehemaliger Bundesparlamentarier: «Als Nationalrat habe ich mich einst gegen die Eigenwirtschaftlichkeit des Schienengüterverkehrs gewehrt. Die SBB hat in der politischen Debatte in den 2010er-Jahren behauptet, es sei möglich, eigenwirtschaftlich zu sein. Umso schlimmer ist es, dass die SBB heute wegen dieser selbstverordneten Eigenwirtschaftlichkeit das Güterverkehrsangebot herunterfährt.»

Eine Chance für einen besser funktionierenden Schienengüterverkehr ist die Digitale Automatische Kupplung (DAK), über die Philipp Hadorn spricht. Würde sie vermehrt eingeführt, könnten Kosten gesenkt werden und die Schiene würde attraktiver gegenüber der Strasse. Aus gewerkschaftlicher Sicht kann die Einführung der DAK durchaus sinnvoll sein. «Sie schafft mehr Sicherheit auf den Gleisen. Und die Entwicklung ist im Moment so langsam, dass wir nicht fürchten müssen, dass deren Einführung Arbeitsstellen vernichten wird. Wichtig ist, dass – sollte das Rangierpersonal tatsächlich eines Tages betroffen sein – Betroffene gut geschult werden müssen, um sie auf die Zukunft vorzubereiten.» Eines ist nämlich nach dieser Tagung klar: Die Schiene hat Zukunft.
Michael Spahr
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